Am 3. Oktober 2025 spielt sich auf der A4 beim Hermsdorfer Kreuz in Ostthüringen eine Szene ab, die Martin Künzel und seine Frau Esther bis heute nicht loslässt. Das Ehepaar aus Salzgitter ist auf dem Weg zu Freunden, als sie plötzlich in ihrer Fahrtrichtung vor sich ein flammendes Inferno sehen. „Das Auto haben wir explodieren sehen, das ist aus einer Feuerwolke rausgestürzt“, erinnert er sich. „Es war wie im Film.“ Sekunden später trifft er eine Entscheidung. Er hält an und hilft.
Gemeinsam mit seiner Frau Esther läuft er zum brennenden Fahrzeug. Andere Menschen stehen zu diesem Zeitpunkt nur unschlüssig in Warnwesten herum, tun nichts. „Dann habe ich die Frau winken sehen in dem Fahrzeug. Nichts wie hin.“ Fahrer und Beifahrerin sind eingeschlossen, schwerstverletzt, ihre Oberkörper brennen. Künzel handelt. Mit einem anderen Helfer zieht er die Frau durchs Fenster aus dem Auto, versucht die Flammen mit einem Pullover zu ersticken. Seine Frau Esther kümmert sich um die Schwerstverletzte, spricht mit ihr, versucht sie zu beruhigen bis der Rettungsdienst kommt. Martin Künzel will auch den Fahrer retten. Doch für den Mann kommt jede Hilfe zu spät. „An den sind wir nicht mehr herangekommen.“ Als er den Satz sagt, wird seine Stimme brüchig. Zu sehr nagt es an ihm, dass er da nicht mehr helfen konnte. Der Mann stirbt an der Unfallstelle. Die Beifahrerin erliegt drei Tage später im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen.
Gafferin filmt alles
Die Bilder dieses Einsatzes wirken bei beiden nach. Es sind nicht nur die Flammen, die Hilferufe, der Brandgeruch. Es ist auch das Verhalten einzelner Umstehender. Während die Künzels helfen, filmt und fotografiert eine ältere Frau aus nächster Nähe mit ihrem Smartphone. Es wirkte sogar so, als ob Sie einen Livestream absetzt. „Ich habe sie mehrfach angeschrien. Sie hat nicht aufgehört. Dann habe ich ihr das Handy weggenommen, leider später aber zurückgegeben“, sagt Esther Künzel. Für die Polizei wären die Aufnahmen ein guter Beweis zumindest für unterlassene Hilfeleistung gewesen. So kann das Ehepaar das unglaubliche Geschehen später nur zu Protokoll geben. Die Smartphone-Frau ist mit dem Eintreffen der ersten Rettungskräfte weitergefahren. Diese Szene beschäftigt das Ehepaar bis heute. „Was geht nur in den Köpfen von manchen Menschen vor“, fragen sie sich.
Für ihren Einsatz sind die Salzgitterer, die beide bei Automobilfirmen arbeiten und nebenberuflich einen Partyservice betreiben, Mitte März in Erfurt mit der Rettungsmedaille des Freistaats Thüringen ausgezeichnet worden. Ursprünglich war die Medaille nur für Martin Künzel vorgesehen gewesen. Als Innenminister Georg Maier aber die Geschichte hört, entscheidet er sich spontan, beide auszuzeichnen. Schließlich hat sich Esther Künzel in der zweiten Reihe ebenfalls heldenhaft verhalten. Maier würdigte bei der kleinen Feierstunde im Innenministerium insbesondere die Entschlossenheit des Ersthelferpaars: „Das klare Denken in dem Moment, ich muss etwas machen und strukturiert vorgehen, das ist etwas, was leider selten ist. Da bin ich Ihnen sehr dankbar, dass Sie so mutig und couragiert gehandelt haben. Das ist beispielgebend.“
Helferhaltung in Schulen weitergeben
Was bleibt, ist mehr als eine Auszeichnung. Es ist eine Haltung, die sich nicht trainieren lässt, aber entscheidend ist, wenn es darauf ankommt. Künzel selbst formuliert es schlicht: „Geht hin und helft. Das ist das Wichtigste, was ihr machen könnt. Auch wenn ihr einfach nur einen Notruf absetzt.“ In der Schule seiner Tochter versucht er das mittlerweile in Workshops weiterzugeben. Auch zukünftig will er sich in diesem Bereich ehrenamtlich engagieren. Da er früher bei der Jugendfeuerwehr aktiv war, hat er auch einiges Vorwissen.
Die Rettungsmedaille des Freistaats Thüringen wird an Menschen verliehen, die unter Lebensgefahr oder besonders schwierigen Umständen anderen helfen und dabei ein außergewöhnliches Maß an Einsatzbereitschaft zeigen. Martin und Ester Künzel haben genau das getan.
